Reklame

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Ich wollte von gar nichts wissen.

Da habe ich eine Reklame erblickt,

Die hat mich in die Augen gezwickt

Und ins Gedächtnis gebissen.

Sie predigte mir von früh bis spät

Laut öffentlich wie im stillen

Von der vorzüglichen Qualität

Gewisser Bettnässer-Pillen.

Ich sagte: »Mag sein! Doch für mich nicht! Nein, nein!

Mein Bett und mein Gewissen sind rein!«

Doch sie lief weiter hinter mir her.

Sie folgte mir bis an die Brille.

Sie kam mir aus jedem Journal in die Quer

Und säuselte: »Bettnässer-Pille.«

Sie war bald rosa, bald lieblich grün.

Sie sprach in Reimen von Dichtem.

Sie fuhr in der Trambahn und kletterte kühn

Nachts auf die Dächer mit Lichtern.

Und weil sie so zähe und künstlerisch

Blieb, war ich ihr endlich zu Willen.

Es liegen auf meinem Frühstückstisch

Nun täglich zwei Bettnässer-Pillen.

(…)

 

Joachim Ringelnatz:

Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 1:

Gedichte, Zürich 1994, S. 344-345.

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